Was bleibt, wenn alles wegbricht: Meine Geschichte im Andersmomente Podcast
Wie viele Male hat mein Leben die Richtung gewechselt?
Inhaltsverzeichnis
Ich zähle gerade. Die Antwort fällt länger aus als erwartet.
Jan von Klee hat mich in seinen Podcast Andersmomente eingeladen. Das Konzept ist so einfach wie treffend: Wendepunkte. Punkte, an denen das Denken aufhört. An denen ein anderer Weg eingeschlagen wird und du über dich hinauswächst.
Ich habe drei davon mitgebracht. Sie heißen Göteborg, Obdachlosigkeit und die Charité im 19. Stock. Und dahinter steckt noch ein vierter, der alles zusammenbindet: der Entschluss, das Hamsterrad des Handwerks zu verlassen und etwas aufzubauen, das noch wirkt, wenn ich es längst losgeschickt habe.
Hier der Podcast von Jan von Klee / Andersmomente ein Episode mit mir.
Hier ist, was in diesem Gespräch steckt. Und was dahinter steckt.
Göteborg, 2001: Die Nacht, in der etwas riss
Ich war Anfang zwanzig. Rastas bis über die Schultern, Springerstiefel, eine Überzeugung, die sich damals absolut richtig angefühlt hat. Vor allem dachte ich, mit meinem damaligen Leben einen Teil dazu beizutragen, soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu fördern.
Wir waren beim G8-Gipfel in Göteborg. Die Energie war real. Das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, war real. Tagsüber hatte das Ganze noch eine Logik, ein Kampf gegen die Obrigkeit. Abends, in einer Seitenstraße, lief diese Logik gegen eine Wand.
Kleine Läden wurden auseinandergenommen. Buchläden. Einzelunternehmer hinter ihren Scheiben.
Ich stand dabei und ein einziger Satz lief durch meinen Kopf: Ich bin zu diesem Zeitpunkt bereits selbstständig. Das könnte auch mein Laden sein. Wir kämpfen hier für das Volk. Das Volk sitzt da drin.
Das war der Riss.
Eine klare Verschiebung in meinem Kopf, die alles verschoben hat. Ich war in dieser Szene, weil ich an Gerechtigkeit, soziale Gleichheit, das Gute in der Gesellschaft geglaubt habe. Und in dieser Seitenstraße habe ich gesehen, wie diese Überzeugung gegen sich selbst läuft.
Der Abnabelungsprozess hatte vorher schon begonnen. Göteborg hat ihn abgeschlossen.
Ich habe danach keinen großen Abschied gemacht. Bin einfach gegangen. In einer Szene, die zu ihrer eigenen Radikalität steht, bewirkst du durch Reden wenig. entweder ich gehe oder ich bleibe und werde zu etwas, das ich gar nicht werden wollte.
Die Erkenntnis, die dabei übrig geblieben ist, trägt mich bis heute: Die wirksamste Politik, die ich machen kann, ist unternehmerisch tätig zu sein. Jobs zu schaffen. Projekte zu machen. Verantwortung zu übernehmen. Und eine Familie aufzubauen, die zeigt, wie das Leben auch aussehen kann.
Das war kein Gedanke im Rückblick. Das war der Gedanke damals, auf dem Weg zurück. Und den ich auch heute noch verfolge.
Rostock und die leere Lagerhalle
Kurz nach Göteborg ist meine erste Firma krachend pleite gegangen.
Ein Geschäftspartner, den ich ins Boot geholt hatte. Ein Hauptauftraggeber, der Rechnungen liegen ließ. Am Ende standen 20.000 bis 30.000 Euro offene Personalkosten. Und dann kam mein Partner und erklärte, er brauche das Geld andernfalls stimmen seine Steuern.
Meine Antwort war klar: Lass uns weitermachen. Wir haben gelernt, wie das läuft. Das Gelernte nutzen wir jetzt. Denn wenn seine Steuern nicht stimmen, stimmen meine auch nicht und der beste Weg das zu regulieren ist neues Geld mit den ganzen Erfahrungen zu verdienen. Das wäre mein logischer Weg gewesen.
Er hat eine andere Entscheidung getroffen.
Ich lebte zu der Zeit in zwei Wohnmobilen in einer Lagerhalle direkt am Rostocker Fischereihafen. Das eine war mein Wohnzimmer, das andere mein Schlafzimmer. Als ich zurückkam und noch vor dem Tor sah, was passiert war, wusste ich, was mich erwartet.
Reingegangen. Die Busse leer. Bettdecke. Kopfkissen. Das war alles, was übrig blieb. Das Werkzeug weg. Mein Kurierfahrrad GT Zaskar LE in Teamlackierung weg. Alles weg.
Das hätte der Punkt sein können, an dem ich aufgehört hätte.
Es war der Punkt, an dem ich wirtschaftlich komplett im Arsch war. 20K -30K Schulden bei meinen freiberuflichen Mitarbeitern (alles alte Freunde). Und On-Top kein Werkzeug mehr, um wenigsten alleine mit meinen eigenen Händen Geld zu verdienen.
Hamburg, Amsterdam, Berlin: Wie ein Punker sesshaft wird
Ich bin eine Zeit lang herumgereist. Hamburg. Amsterdam. Immer wieder zurück in Richtung Norden. Und schließlich Berlin.
Das Netzwerk, von dem ich mich gerade getrennt hatte, hat mir in dieser Phase einen Boden gegeben. Das ist die Ironie des Lebens: Die Szene, aus der ich ausgestiegen bin, hat mir geholfen, in Berlin Fuß zu fassen. Ich habe angefangen, mich wieder neu aufzubauen. Handwerk. Altbausanierung. Später ein Atelier mit runden Vollholzmöbeln, alles von Hand. Keine Anschubfinanzierung. Keinen Rückenwind. Nur das, was ich konnte, und die Haltung, dass es weitergeht.
Zwei Jahre später habe ich einen Anruf bekommen. Das Werkzeug stand im Schuppen beim besten Freund meines ehemaligen Partners. Ich bin hingefahren. Habe geklingelt und meine Sachen mitgenommen.
Mein Fahrrad hatte ich wieder. Das Werkzeug hatte ich wieder.
Und ich hatte verstanden, was Optimismus in der Praxis bedeutet: Du hast die Möglichkeit, dass es sich klärt. Diese Möglichkeit gibt dir die Energie, dranzubleiben. Die Erwartung, dass es sich klärt, würde dich Tag für Tag in die Enttäuschung führen. Das ist ein Unterschied, der alles verändert.
Du kennst das vielleicht aus anderen Zusammenhängen. Die Energie, die aus einer offenen Möglichkeit entsteht, ist eine andere als die Energie, die aus einer Forderung entsteht. Erstere trägt. Letztere zermürbt.
2005: Glücklich mit einer Krebsdiagnose
Ich war 25.
Meine Blase war zu zwei Dritteln voll mit Krebszellen.
Der Urologe hat mir zwei Tage gegeben, um ins Krankenhaus zu kommen. Ich bin aus der Praxis rausgegangen und war glücklich.
Ich weis, das klingt verrückt aber es war das ehrlichste, was ich bis dahin gespürt habe.
Die Symptome hatte ich seit Jahren. Blut im Urin. Krämpfe. Schmerzen. Bei der Musterung mit 18 stand in einem Brief, ich solle dringend zum Arzt gehen. Ich habe die gute Nachricht rausgezogen, ausgemustert! Denn den Rest habe ich nicht verstanden. Jahre ohne Krankenversicherung folgten. Jahre, in denen ein Arztbesuch schlicht keine Option war.
Und dann diese Diagnose.
Die Erleichterung kam aus einer einfachen Quelle: Ich wusste endlich, was los ist. Das Unbekannte ist das Schwerste. Eine Diagnose ist ein Anfang. Ein klarer Ausgangspunkt, von dem aus du dich bewegen kannst.
In meinem Kopf war damals dieser Gedanke: Jetzt zeigst du, wie das geht. Wie du auch in einer schwierigen Situation bei dir bleibst. Das war kein Mut. Das war meine Grundstruktur.
Das vollständige Gespräch mit Jan von Klee hier anhören
Ein grüner Kreis an der Charité-Fassade
Ich lag im 19. Stock des Bettenhauses der Charité.
Habe mir grüne Farbe und einen Pinsel bringen lassen. Und habe, mit ausgestreckten Armen durch das schmale Fenster, einen großen Kreis von außen an die Fassade gemalt.
Grün ist die Farbe der Hoffnung und Kreise schliessen sich.
Von unten sah dieser Kreis winzig aus. Das war mir egal. Die Botschaft war für alle, die danach in dieses Zimmer kommen würden: Du wirst gesund.
Ich lebe heute wieder mit meinem ungebetenen Gast in der Blase. Therapien, Kontrollen, Eingriffe. Und zwischendrin: Familie, drei Kinder, ein neues Business im Aufbau. Das klingt erstaunlich. Für mich ist es der einzige Weg, den ich kenne. Rückschläge sind Material. Kein Grund stehenzubleiben. Ein Ausgangspunkt.
Jan hat mich in dem Gespräch gefragt, welche Eigenschaft mir in den letzten Jahren am meisten geholfen hat.
Dankbarkeit. Zuerst mir selbst gegenüber. Weil ich grundsätzlich nur das mache, was mich wirklich bewegt. Das ist kein Luxus, das ist eine Entscheidung. Eine, die ich immer wieder neu treffe.
Das Hamsterrad des Handwerks
2023 stand die Entscheidung fest: So läuft das ins Leere.
Ich habe das Handwerk immer geliebt. Ich liebe es bis heute. Räume gestalten, Wohnungen sanieren, mit den Händen etwas schaffen, das bleibt. Das ist ein vollständiges Gefühl, das ich aus keiner anderen Tätigkeit kenne.
Was ich aufgehört habe zu lieben, war das System drumherum.
Architekten, die mir erklärt haben, das sei eben die Art, mit Handwerkern zu sprechen. Ausschreibungen, bei denen am Ende ausschließlich der Preis zählt. Aufträge mit monatelanger Personalverantwortung, und am Ende bleibt ein betriebswirtschaftliches Ergebnis, das du kaum noch Gewinn nennen kannst.
Jede Stunde, die ich leiste, ist eine Stunde, die weg ist. Tausche ich Zeit gegen Geld, ist die Gleichung immer dieselbe. Egal wie hoch der Stundensatz ist.
Ich habe verschiedene Auswege ausprobiert. Solaranlagen. Tiny Houses. Handwerker Vermittlung, sogar eine Online Werbeagentur wollte ich aufbauen. Alles blieb im selben System. Anderer Rahmen, dieselbe Logik.
Dann kam 2024 der echte Wechsel.
Ich bin ein Visionär. Das habe ich immer gespürt, lange bevor ich einen Begriff dafür hatte. Mein Kopf produziert Ideen schneller als ich sie umsetzen kann. Was ich brauche, ist ein System aus investierten Stunden. Etwas, das mein Leben aufgebaut. Etwas, das morgen noch wirkt, wenn ich es heute baue.
So ist onoko.me entstanden. Mein Magazin. Mein Kurs “Souverän Selbstständig”. Das System für Einzelunternehmer, die ihr Business wirklich führen wollen. Aufgebaut aus zwanzig Jahren Erfahrung als Einzelunternehmer, inklusive Insolvenz, inklusive gesundheitlichen Herausforderungen, inklusive allem, was dazugehört.
Was aus all dem geworden ist
Göteborg. Die leere Lagerhalle. Die Charité. Der Entschluss, das Hamsterrad zu verlassen.
Vier Punkte in einem Leben, das von außen unübersichtlich wirkt. Von innen hatte es immer einen roten Faden.
Jan fragt mich am Ende des Gesprächs, ob es mich etwas kostet, das alles auszusprechen. Das Gegenteil ist wahr. Es ist jedes Mal ein Statement. Eine Erinnerung daran, wer ich bin und was mich hierher gebracht hat.
Und das ist auch der Kern von onoko.me. Kein Motivationskurs. Kein Konzept aus dem Lehrbuch. Sondern das, was ich selbst gebraucht hätte, als ich angefangen habe und was ich erst nach Jahren, einer Insolvenz und einem erneuten Krebsbefund wirklich verstanden habe: Ein Business trägt dann, wenn ich weiß, was es kostet, was es bringt, und wen ich damit erreichen willst.
Die vollständige Episode mit Jan von Klee, hier reinhören
Das Gespräch lohnt sich. Jan stellt Fragen, auf die ich selten in dieser Form antworte. Es war eines der offensten Gespräche, die ich bislang gegeben habe. Vielen Dank dafür.
Souverän Selbstständig mein Workshop für Einzelunternehmer
Wenn dich interessiert, was aus diesen Jahren entstanden ist: dann schau ihn dir an.
Er heißt Souverän Selbstständig und zeigt drei Fundamente, die ich selbst gebraucht hätte, als ich angefangen habe. Dein echter Stundensatz. Eine messerscharfe Positionierung. Die einfachste Buchhaltung, die du je gemacht hast.
Kein Theoriegerüst. Alles aus der Praxis. Alles an mir selbst getestet und bewiesen.
